FACHBEITRAG | ERSCHLIESSUNG

Erschienen im Magazin: Forst&Technik | Ausgabe: 6/2019
Artikel: Feinerschliessung | Leitstrahl, Seite 36-41
Verlag: Deutscher Landwirtschaftsverlag GmbH
www.forstpraxis.de

Leitstrahl


Ackerschlepper können über eine Satellitenpositionierung zentimetergenau gesteuert werden und vermeiden dadurch unnötige Befahrung der Felder.
Ein Forstunternehmer und ein Revierleiter am Bodensee machten den Selbstversuch und probierten aus, ob so etwas ähnliches auch im Wald bei der Rückegassenanlage möglich ist.


Foto: H. Höllerl
Manuel Dieing montiert den Präzisionsempfänger knapp unterhalb der Dachlinie, mittig im Drehpunkt des Fahrzeugs und mit freier Sicht zum Himmel

Manuel Dieing ist begeistert: „Damit bin ich wesentlich produktiver, sogar in der Nacht!“ Er ist in einem Versuchsbestand einfach nur dem digitalen „Leitstrahl“ auf seinem Tabletcomputer nachgefahren. Martin Roth, der Revierleiter in Meersburg, hatte ihm die planmäßige Erschließung aufgespielt. Draußen im Wald gab es keinerlei Markierung. „Es handelte sich um eine Erstdurchforstung, bei der ich mit dem Bündelaggregat unterwegs bin. In solchen Beständen stehe ich normalerweise vor einer grünen Wand – so viele Striche kann man gar nicht machen, dass ich da immer einen sehen könnte. Wir hatten Schneelage bei unserem Versuch, das erschwert die Übersicht zusätzlich. Mit dem hoch-aufgelösten Satellitenbild im Führerhaus, auf dem ich meine eigene Position immer exakt sehen kann, fühle ich mich wesentlich sicherer, muss nicht dauernd zurückpeilen, ob ich nicht aus Versehen einen Bogen fahre. Ich würde mir wünschen, dass diese Technik sofort zum Standard wird.“

Mehr als eine Vision

Wovon spricht er? Die Software „NetwakeVision“ wird bisher eigentlich hauptsächlich von der Straßenbauverwaltung eingesetzt. Das Programm dient dort zur umfangreichen Dokumentation, angefangen von beschädigten Leitplanken über die exakte Aufzeichnung von Streufahrten im Winterdienst bis hin zum exakten Verlauf von unterirdischen Durchlassrohren. Weil in einer deutschen Behörde natürlich höchste Anforderungen an den Datenschutz gelten, liegen sämtliche Daten auf eigenen Servern. Die gleichnamige Programmierfirma sitzt in Überlingen am Bodensee und gehört Marcel Ruff, dem Bruder von Björn Ruff. Dieser Name ist in der Forstwelt schon ziemlich bekannt durch das Unternehmen Forstware GmbH mit den Programmen GeoMail und FwMobile.
Martin Roth ist mit der Materie vor einigen Jahren in Berührung gekommen, weil er für den Landkreis auch Baumkontrollen übernahm und damit an das System angeschlossen wurde. Als Arbeitslehrer am Forstlichen Ausbildungszentrum Mattenhof hatte er vor Jahren sein Faible für die Digitaltechnik entdeckt und so begann er, ein bisschen mit der Software herumzuexperimentieren. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass NetwakeVision auch im Forstrevier eine große Unterstützung sein kann. Das beginnt beim Borkenkäfer-Monitoring, das im Moment ja in aller Munde ist. Roth hat in seinem Revier, das unter anderem 600 ha Kleinstprivatwald umfasst, keine Schwierigkeiten, sofort zu wissen, welchen Waldbesitzer er ansprechen muss, wenn er draußen ein Käfernest entdeckt. Aufträge zur Aufarbeitung gibt er punktgenau und flächenscharf an seine Unternehmer weiter, die zwischenzeitlich ebenfalls über Mobilgeräte mit dem Programm verfügen (natürlich ohne die Datenbank mit den Grundstückseignern). Der jeweilige Aufarbeitungsstand wird von allen Beteiligten in Echtzeit aktualisiert. Das Gleiche gilt für Pflegeflächen. Außerhalb der behördlichen Anwendung arbeitet das System normalerweise mit Open-Source-Kartenmaterial, der Nutzer kann aber auch seine eigenen Forstbetriebskarten hinterlegen.

Präzision

Für solche Anwendungen ist eine wesentlich höhere Genauigkeit in der Positionsbestimmung vonnöten, als sie die verwendeten Android-Mobilgeräte normalerweise bieten können. Dazu hat NetwakeVision ein Gerät mit dem blumigen Namen „RoyalFix“ entwickelt. Das rundlich-wolkige Plastikteil sieht zwar vielleicht niedlich aus, beherbergt aber eine hoch präzise GNSS-Antenne und – fast noch wichtiger – eine Verbindung zur „RoyalBase“. Das ist eine Basisstation, die einen Bereich von bis zu 400 km² abdecken kann und ein terrestrisches Korrektursignal aussendet. Nur damit kommt man auch im Waldbestand mit seinen vielfachen Satelliten-Abschattungen durch die Bäume auf die gewünschte Präzision von mindestens 1 m oder weniger, je nach Anwendung.

Foto: H. Höllerl
Vor so einer „grünen Wand“ steht der Maschinenführer oft bei der Gassenanlage in Jungbeständen. Schön, wenn er auf dem Display genau sehen kann, dass er sich auf dem richtigen Pfad befinde

Foto: M. Roth
Die vier nördlichen Gassen in diesem Versuchsbestand wurden streng schematisch am „Reißbrett“ geplant und draußen vorher nicht markiert. Zu sehen ist hier die tatsächliche Fahrtroute des Harvesters. Die Dokumentation darüber bleibt auch erhalten, sollte ein Sturm den kompletten Bestand hinwegfegen

Digitale Rückegassenanlage

Dass ein präziser Satellitenempfänger auch beim Einfluchten von Rückegassen sehr hilfreich sein kann, darüber haben wir ja schon mehrfach berichtet. Wenn schon mal das umständliche Hantieren mit den Fluchtstäben wegfällt und kein zweiter Mann benötigt wird, spart das viel Zeit. Martin Roth wollte aber einen großen Schritt weitergehen: Warum soll man die Gasse überhaupt mühevoll im Wald markieren, wenn es die Möglichkeit gibt, die Richtungsinformation direkt an den Maschinenführer zu geben? Für den Versuch wählte er einen Erstdurchforstungsbestand mit einer Größe von 5 ha aus, in den acht Gassen eingelegt werden sollten. Um gleich einen Vergleich ziehen zu können, wurden vier Gassen ganz normal mit den üblichen Sprühfarben markiert. Im nördlichen Teil wurden sie dagegen nur schematisch und automatisiert am Computer geplant. Die wissenschaftliche Auswertung an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg läuft noch, aber die Praktiker vor Ort sind mit dem Ergebnis nach der Durchführung der Erntemaßnahme mehr als zufrieden.

Jetzt kann der kritische Leser natürlich sofort einwerfen, dass es nur selten so einfaches Gelände gibt, wo sich die Rückegassen wirklich streng nach dem Lehrbuch im gleichmäßigen Abstand anlegen lassen.Für schwierigere Fälle hat Martin Roth ab gewandelte Vorgehensweisen entwickelt.

Foto: Bayernviewer
Solche präzisen Reliefkarten, sogenannte Lidar-Scans sind in Bayern und Baden-Württemberg für jedermann öffentlich verfügbar. Damit lassen sich ziemlich viele Zwangspunkte bei der Erschließung auch schon am Bildschirm erfassen

Foto: H. Höllerl
Die kleine Spezialantenne Ist am Kern T 20 kaum zu entdecken. Der lange Ausleger sorgt manchmal für kurzfristige Abschattungen

Zwangspunkte

Vielfach gibt es im Gelände negative oder positive Zwangspunkte. Das sind entweder Bereiche in denen die Maschine nicht fahren kann, wie z.B. Blocküberlagerungen, Abrisskanten oder Bodendenkmäler. Oder eben auf der anderen Seite bestimmte Ausfahrten die auf jeden Fall angenommen werden sollen. Die lassen sich mit dem RoyalFix im Rucksack und dem Smartphone in der Hand draußen erfassen. Sehr viele davon werden auch schon sichtbar, wenn man einfach nur die frei zugänglichen Geoportale der Länder aufruft, den Bayernviewer oder das Geoportal Baden-Württemberg, und sich dort die Reliefkarten anzeigen lässt. Diese sogenannten Lidar-Scans sind derartig genau, dass man oft sogar die Fahrspuren alter Hiebsmaßnahmen erkennen kann. Mit diesen ganzen Informationen ergibt sich sehr schnell ein sehr guter Überblick und der Planer kann das Erschließungsnetz trotzdem am Computer festlegen. Die dritte Variante ist der berühmte

„Damit kann ich sogar
in der Nacht
Gassen aufschneiden“


Zitat Manuel Dieing

Die dritte Variante ist der berühmte gekrümmte Hang, bei dem sich der Waldbestand um einen Berg herumzieht. Strikt gleichmäßige Gassenabstände sind unter solchen Voraussetzungen noch nie möglich gewesen und werden es natürlich auch mit der modernen Digitaltechnik nicht. Aber auch in solchen Fällen sieht Martin Roth, der auch einige Jahre Einsatzleiter für ein Seilkransystem war, die Chance dass mit der flexiblen Gassenanlage durch den Unternehmer nach digitalen Vorgaben unter dem Strich ein besseres Ergebnis herauskommt als bisher. Als Zwangspunkte werden dafür die Bereiche am Oberhang definiert, bis zu denen eine Übererschließung stattfinden darf. Entsprechend ergeben sich am Unterhang Untererschließungen oder Stichwege. Der Fahrer kann dazwischen jedoch selbst entscheiden und nach der Anlage der ersten Linien ggf. noch korrigieren. Das ist bei angesprühten Gassen nur mit großem Aufwand möglich. Im besonderen gilt das natürlich für Seillinien, die ja wirklich kerzengerade sein müssen.

Foto: H. Höllerl
Revierleiter Martin Roth mit dem RTK-Rover: Was aussieht wie eine kleine weiße Wolke aus Plastik, ist ein hoch-präziser Satellitenempfänger

Digitalaffin

Für den Versuch hatte Martin Roth natürlich kein gewaltiges Budget zur Verfügung. Der Aufwand hielt sich jedoch in Grenzen. Die Zusatzantenne RoyalFix steckt er bei Außenaufnahmen üblicherweise in den Deckel des Rucksacks. Für ganz exakte Einmessungen, beispielsweise eines Biotopbaumes oder eines geasteten Wertholzanwärters legt er das Gerät eher ein paar Meter von sich weg, weil auch der menschliche Körper mit seinem hohen Wassergehalt stark abschottend wirkt. Analog dazu musste Manuel Dieing an seinem Baggerharvester Atlas Kern T 20 einen Punkt finden, der freien Blick zum Himmel bietet und dabei gleichzeitig möglichst mittig über dem Drehkranz liegt, damit nicht jede Drehbewegung des Oberwagens eine Abweichung in der Positionierung auslöst. Bei einer Genauigkeit von unter 20 cm im Versuchsbestand hätte das sonst ein ziemliches Gekritzel bei der Aufzeichnung ausgelöst. Glücklicherweise fand sich dieser Platz genau neben dem Führerhaus, wo der RTK-Rover gleichzeitig vor tiefhängenden Ästen etwas geschützt ist. Die Befestigung mittels Kabelbindern in der eigens im Digitaldrucker angefertigten Halterung ist pragmatisch: Bleibt man doch einmal irgendwo hängen, reißen die Plastikbänder und das teure Gerät geht selbst nicht zu Bruch.

Viele Akteure in der Forstbranche haben einen heiligen Respekt vor der Digitaltechnik und möchten von komplizierten Programmen möglichst verschont bleiben. Martin Roth ist da sicherlich eine Ausnahmeerscheinung, denn er hatte seinen Spaß daran, die Abfragemasken für das Borkenkäfermanagement selbst zu entwickeln. Für Manuel Dieing war der Aufwand, sich auf seinen „Leitstrahl“ ein zulassen wesentlich geringer, als er erwartet hätte. Aber auch er darf noch zu den „Digitalaffinen“ gezählt werden. Dass NetwakeVision im Regelbetrieb einfach zu handhaben ist, dafür spricht die gute Akzeptanz bei der Straßenbauverwaltung im Bodenseekreis. Dort haben über 70 Außendienstmitarbeiter, die sonst sicherlich auch nicht unbedingt gerne am Computer sitzen, das neue digitale Werkzeug innerhalb kürzester Zeit voll akzeptiert.

Heinrich Höllerl


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